E-Mail-Anfragen ins Nirvana
von Daniel Meierhans, erschienen am 6. Dezember 2004, InfoWeek.ch,
Nr. 22
Eine Studie zeigt: Viele Schweizer Firmen beantworten Mail-Anfragen langsam, ungenügend oder gar nicht.
Gründe sind wenig Bewusstsein fürs Lead-Management und nicht definierte Prozesse.
Obwohl Schweizer Unternehmen viel Geld in Werbekampagnen zur
Generierung neuer Kunden stecken, werden Anfragen von Interessenten,
die von sich aus auf ein Unternehmen zugehen, häufig nur ungenügend
oder gar nicht beantwortet. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle
Studie zum Umgang von Firmen mit E-Mail- und Telefonanfragen. Vor
allem das Lead-Management (Behandlung von Interessenten) von
potentiellen Kunden, die den elektronischen Kanal wählen, weist
demnach auch heute noch grosse Defizite aus. So wundert man sich,
dass grosse Versicherungen und Krankenkassen, die noch vor kurzem
reihenweise spezielle Online-Shops aus dem Boden gestampft hatten,
weil sie im Internet das grosse Geschäft witterten, kaum über
strukturierte und durchgesetzte Prozesse für den Umgang mit
Standardanfragen zu verfügen scheinen.

Nachfassen ein Fremdwort
Die erstaunlichsten Ergebnisse der Untersuchung:
Ein Viertel der Firmen hat auf die generelle Anfrage gar nicht
reagiert oder die angeforderten Unterlagen nicht zugestellt, und nur
5 Prozent meldeten sich später noch einmal beim potentiellen Kunden,
um nachzufassen. Bei der telefonischen Umfrage kam der Schnitt der
Firmen auf knapp über 50 Prozent der möglichen Punktzahl. Noch
schlechter zeigte sich der Umgang mit dem Kanal E-Mail. Die Firmen
erreichten im Schnitt nur rund 40 Prozent der Maximalbewertung.
Auch für Qris Riner, der die Studie für Nemuk
betreute, waren die Ergebnisse auf den ersten Blick überraschend.
Aus seiner täglichen Berufspraxis kennt er aber die Probleme von
Unternehmen mit dem Kanal E-Mail. Dieser Kommunikationsweg habe sich
in den letzten Jahren nach und nach eingeschlichen, so dass
strukturierte Prozesse nie wirklich etabliert wurden, erklärt Riner.
Nach seiner Schätzung hat nur etwa ein Viertel der Unternehmen
Richtlinien festgehalten, die den Umgang mit E-Mails verbindlich
regeln: wie schnell beispielsweise eine Mail beantwortet werden
muss, oder wie eine Antwort verfasst werden soll.
Offensichtlich unterschätzen die meisten
Unternehmen das Instrument E-Mail zur Kundenkommunikation massiv. Es
wird immer noch von vielen als netter, billiger Zusatz betrachtet.
Dem widersprechen aber Fachleute. Sie erwarten, dass E-Mail und
Internet in Zukunft ganz klar das Telefon und das persönliche
Gespräch als wichtigste Kommunikationskanäle ablösen werden. In
Deutschland sehen laut einer Untersuchung des
Kundenkommunikations-Softwareanbieters Novomind 85 Prozent der
Kommunikationsverantwortlichen, dass E-Mail in den nächsten Jahren
stark an Bedeutung zulegen wird. Beim Internet sehen fast 76 Prozent
einen starken Bedeutungszuwachs. Telefon und persönliches Gespräch
kamen in dieser Erhebung beide nur auf eine künftige Wichtigkeit von
rund 40 Prozent.
Fehlende Prozesse
Viele der Mängel im Umgang mit E-Mail-Anfragen
sind auf ungenügend ausformulierte oder durchgesetzte Prozesse
zurückzuführen. Dies zeigt sich vor allem in den Detailanalysen der
Schweizer Studie. So bestätigen nur 9 Prozent den Eingang der
elektronischen Anfrage. Zentrale Elemente wie eine personalisierte
Ansprache oder die Angabe einer spezifischen Ansprechperson fehlen
in einem Drittel der Antworten. Auch dass nur 31 Prozent über ein
Kontaktformular verfügen, über das Anfragen gestellt werden können,
zeigt, wie planlos mit Mails umgegangen wird. Dabei wäre ein
strukturiertes Formular ein einfacher und entscheidender Schritt, um
den Bearbeitungsaufwand massiv zu verkleinern und die Qualität der
Antworten zu verbessern.
Interessant ist, dass Detailhändler von der
Bahnhofstrasse im Schnitt besser abschneiden als grosse,
elektronisierte Konzerne wie Versicherungen oder Krankenkassen.
Riner erklärt dies mit der grösseren persönlichen
Verantwortungshaltung von Mitarbeitern in kleinen Betrieben. Bei
grossen Organisationen sei die Anzahl der Anfragen auch massiv
grösser. Entsprechend grösser sind die organisatorischen
Anforderungen an den Kundendienst. Häufig beginnen laut Riner, die
Probleme damit, dass Marketing und Kundendienst organisatorisch und
technisch zu getrennt sind. Kommunikationsprobleme zeigten sich dann
zum Beispiel darin, dass die Mitarbeiter, die die Anfragen
entgegennehmen, nicht darüber informiert sind, dass gerade eine
grosse Kampagne gestartet wurde. Als weiteren Bremser identifiziert
Riner auch die Werbebranche. Diese hätte häufig gar kein Interesse
an der Messbarkeit ihrer Kampagnen und lege darum auch wenig Wert
auf ein die Werbekampagnen begleitendes, strukturiertes
Lead-Management.
Deutschland wie die Schweiz
Die unterstützenden Software-Tools für ein
effektives Lead-Management sind heute vorhanden, so Riner. Eine
Vollautomatisierung sei dabei gar nicht erstrebenswert, schliesslich
erwarte der Kunde auf eine persönliche Anfrage auch eine persönliche
Antwort. Das Hauptmanko bestehe heute bei den Prozessen und beim
Change-Management. Dafür sei es nötig, vor allem einmal Zeit zu
investieren, um die Abläufe klar zu analysieren und festzulegen.
Leider werde aber die Rechnung meist nicht richtig gemacht und nur
viel Geld für Kampagnen aufgewendet, statt auch das nachfolgende
Lead-Management zu optimieren, so sein Fazit.
Jedes Unternehmen wurde im Rahmen der Studie
zweimal elektronisch und zweimal telefonisch angefragt. Natürlich
könne man diese Stichprobengrösse der als Pilotstudie bezeichneten
Untersuchung bemängeln, gibt Riner offen zu. Er sei allerdings der
überzeugung, dass die Ergebnisse durchaus die Realität
widerspiegeln. Zudem ist praktisch parallel zur Schweizer
Untersuchung eine ähnlich gelagerte Studie des deutschen
«Handelsblatt» veröffentlicht worden, die zu ähnlichen Schlüssen
kommt. Die zentralen Erkenntnisse dieser wesentlich umfangreicher
angelegten Studie: Im Schnitt dauerte die Beantwortung einer
E-Mail-Anfrage 2.7 Arbeitstage, jede zwölfte E-Mail wird nie
beantwortet.
Lesen Sie auch die Checkliste Das optimierte Internet-Kontaktformular
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